Alltäglicher Hindernislauf

Es ist ein Marktplatz zu sehen au dem eine Bronzestatue steht die hochgekrempelte Ärmel hat und einen Stab in der Hand hält. Dieser Statue wurde eine Verdunkelungsbrille aufgesetzt und ihr wurde ein Blindenstock an den Arm gelehnt. Rechts neben der Statue ist der Informationsstand von Blickpunkt Auge zu sehen.

Mit dem Aktionstag »Sicher im Verkehr – blinde und sehbehinderte Menschen im öffentlichen Raum« machte die Beratungsstelle »Blickpunkt Auge« auf die Probleme in Gießen aufmerksam.

Ein Beitrag des Gießener Anzeiger

Gießen. »Probleme mit dem Sehen? Wir sind für Sie da«, hieß es in der Innenstadt bei einem Aktions- und Informationstag unter dem Motto »Sicher im Verkehr – blinde und sehbehinderte Menschen im öffentlichen Raum«. Veranstalter war die Beratungsstelle »Blickpunkt Auge – Rat und Hilfe bei Sehverlust« des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen (BSBH).

Bereits im Mai des Vorjahres war der alte Standort in der Frankfurter Straße 12 geschlossen worden. Nachdem die gesamte Beratungsarbeit danach im Homeoffice durchgeführt werden musste, wurde in diesem Frühjahr eine neue Heimstatt für »Blickpunkt Auge« in der Rödgener Straße 76 bei der Sophie- Scholl-Schule gefunden. Kerstin Germann leitet diese.

Schutzzeichen

Auf die Idee, blinde Menschen mit einem weißen Stock als Schutz- und Erkennungszeichen zu versehen, kam man um 1930 in Paris. Der weiße Stock wurde offiziell als Schutz und Erkennungszeichen blinder Menschen anerkannt. 34 Jahre später, 1964, übergab US-Präsident Lyndon B. Johnson in einem symbolischen Akt Langstöcke an blinde beziehungsweise sehbehinderte Menschen, um die Stöcke populär zu machen. In den darauffolgenden Jahren erlebte der weiße Stock eine ungeahnte Verbreitung. Mit dem Langstock und einem entsprechenden Mobilitätstraining konnten nun vermehrt blinde und sehbehinderte Menschen die große Herausforderung, allein im Straßenverkehr unterwegs zu sein, in Angriff nehmen. Nicht selten sieht man in Gießen Menschen allein unterwegs mit langen weißen Stöcken. Mit einer mehr oder minder großen Kugel an der Stockspitze suchen sie ihren Weg. Wer ihnen situationsbedingt helfen möchte, sollte sie vorher ansprechen.

Aufmerksame Passanten sahen an dem Aktionstag direkt neben dem Infostand am Kirchenplatz den stadtbekannten Schlammbeiser auf seinem Sockel, ausgestattet mit einer Dunkelbrille und einem langen weißen Stock. Wer sich von den Interessenten in die Rolle eines blinden Menschen versetzen wollte, konnte dies mit Hilfe von Florian Schneider, dem Projektleiter von »T_OHR« der Awo Südwest aus Mainz, ausprobieren. Bei einem Selbstversuch vertraute ich im wahrsten Sinne des Wortes »blindlings« meinem akustischen Führer. Starke Konzentration war angesagt, bis ich mich nach mir lang erscheinenden fünf Minuten auf einer Bank am Marktplatz niederlassen sollte. Auf Befragen stellte ich fest, dass ich während des Gehens – wahrscheinlich aus Gründen hoher Konzentration – eigenartigerweise kaum irgendwelche Geräusche wahrgenommen hatte, während jetzt im Sitzen beim Ausruhen und immer noch mit der Dunkelbrille versehen, ich Stimmen, Geräusche von vorbeigehenden Personen, Fahrrädern, Autos und sogar Vögeln deutlich vernehme. Das Tageslicht wieder erblickend, ereilte mich ein Glücksgefühl.

Die barrierefreie Gestaltung des öffentlichen Raumes und der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln hat sich in den letzten Jahren zwar verbessert. Dennoch werden nach wie vor Menschen – insbesondere mit Sehbeeinträchtigung – im öffentlichen Raum mit Barrieren konfrontiert. Tagtäglich begegnen die so gehandicapten Mitbürger Hindernissen und so mancher Weg wird für sie zum reinsten Hindernislauf. Hinzu kommt, dass viele dieser Barrieren ein erhebliches Verletzungsrisiko für sehbeeinträchtigte Menschen darstellen.

In Gießen gibt es an drei Bushaltestellen sprechende Säulen: am Bahnhof, am Berliner Platz und am Marktplatz. Zwar finden sich in der Innenstadt viele Leitrillen für die Orientierung mit Blindenstöcken. Doch bleiben diese nicht selten von anderen Leuten unbeachtet. Hindernisse bilden oft zum Ausladen haltende Fahrzeuge, Werbeaufsteller, Bänke oder Stände wie zum Beispiel beim Weihnachtsmarkt. Ein Großteil der Leitrillen sind dann alljährlich abschnittsweise zugestellt. Die Teilhabe von behinderten Menschen am gesellschaftlichen Leben wird in dieser Zeit bezüglich des Vergnügens Nichtbehinderter anscheinend nicht als gleichberechtigtes Interesse gesehen. Neben einem Einblick, wie blinden und sehbehinderten Menschen eine sichere Teilhabe im öffentlichen Raum gewährleistet werden kann, wurden auch Hilfsmittel vorgestellt, die sehbeeinträchtigten Menschen eine Orientierung und Mobilität im Straßenverkehr ermöglichen. Außerdem hatten Interessierte die Möglichkeit, Hilfsmittel unter Anleitung auszuprobieren. Betroffene als auch Angehörige können sich über die Angebote informieren, die in den neuen Räumlichkeiten der Beratungsstelle in der Rödgener Straße auf sie warten. Diese wird zusammen mit der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung betrieben. Dort ist jetzt mehr Platz als in den alten Räumen in der Frankfurter Straße. Sie ist zudem barriereärmer und es gibt eine Ausstellungsfläche für Hilfsmittel.

Sprechstunde

Eine niederschwellige offenen Sprechstunde wird dienstags von 14 bis 17 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr angeboten. Um mehr Ruhe und mehr Zeit zu haben, ist es sinnvoll, einen Termin zu vereinbaren: per E-Mail an k.germann@blickpunkt-auge.de geschehen oder telefonisch unter 0641/98438484. Die Beratung wird durch eine hauptamtliche Kraft, Kerstin Germann, und zwei ehrenamtliche Kolleginnen durchgeführt.

www.blickpunkt-auge.de.